10/11. 2017

Annette Meincke-Nagy & Marc Bronner

Stille

Erinnern Sie sich noch an die gemütlichen Fernsehabende in den späten 70ern? Als die Familie in der guten Stube zusammensaß um gemeinsam einen TVKrimi zu erleben? Bourgeoise Dramen wurden dem Zuschauer damals mit wenig spektakulärer Technik, dafür jedoch mit äußerst theatralischem Schauspiel dargeboten. Filmsets waren gekennzeichnet durch ein oftmals karges Interieur und auch der Einsatz von szenischer Filmmusik war im Vergleich zu heute geradezu spartanisch. Das Fernsehen der späten 70er lebte von seinen Protagonisten.

Schaut man sich heute eine Krimiserie aus dieser Zeit an, so fallen einem sofort die Pausen auf. Sekunden ohne erkennbare Handlung, Sekunden in denen die Protagonisten scheinbar in sich verharren, Sekunden, die ohne jegliche musikalische Untermalung begleitet werden, Sekunden, die wir in 2017 nicht mehr haben und kaum ertragen können. Das Fernsehen dieser Zeit lebte auch von diesen Sekunden der unerträglichen Entschleunigung.
Als Kind der 70er, aufgewachsen in Hamburg, steht die heutige Schnelllebigkeit in unseren Metropolen für mich im harten Kontrast zur Gemächlichkeit, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Zu Beginn des Arbeitsprozesses collagiere ich Filmstills aus Krimiserien wie Derrick oder Der Alte und setze einzelne Szenen auf eine Art und Weise zusammen, die den Betrachter an einem Moment teilhaben lässt, in dem eben Vergangenes und Zukünftiges, in einem ästhetischen Spannungsfeld aus Licht und
Schatten, einander gegenüberstehen

.
Was ist gerade passiert? Was wird gleich passieren? Der Betrachter erhält auf diese Fragen keine  Antwort und verharrt in einer Art Zwischenraum des Geschehens ohne auf die Auflösung dieses Enigmas hoffen zu dürfen. Um diesen Moment der Stille, des Wartens und der Spannung, um eine kontemplative Betrachtung noch eindringlicher zu gestalten, wähle ich bei der späteren Ausarbeitung in Öl einen beinahe fotorealistischen Ansatz. Nur beinahe deshalb, weil die kühle und dokumentarische Anmutung des Fotorealismus mir im ersten Augenblick der Betrachtung als Mittel zum Zweck dient, an die Nostalgie der oben beschriebenen 70er Jahre zu erinnern. Jedoch habe ich mich allein dem malerischen Prozess verschrieben, der meines Erachtens das narrative Moment der Szenerie wesentlich besser zu unterstreichen vermag und die scheinbare Melancholie der dargestellten Figuren auf einer höchst emotionalen Ebene einfängt, ohne dabei von der Akkuratesse bürgerlicher Ästhetik abzulenken.
Die detailrealistische Ölmalerei bietet mir eine perfekte Bühne dem Betrachter eine Geschichte des Moments, des Augenblickes und der Stille illusionistisch näher zu bringen und ihn gleichermaßen an eine Zeit zu erinnern, in der man sich mit Zuständen wie Ungewissheit und Abwarten arrangierte ohne an ihnen zu scheitern.

Marc Bronner, Oktober 2017

Videounterschrift